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Arbeitsräume und Arbeitsleistung sind eng miteinander verknüpft. Um diese Aussage zu verdeutlichen, will ich hier beschreiben, welche Form von Wachheit leistungsfördernd ist und wie diese durch Raumgestaltung gefördert werden kann. Zunächst ist es wichtig, verschiedene Formen der Wachheit zu unterscheiden. Es gibt Formen von Wachheit, wo wir kurzfristig Leistung bringen können, aber langfristig Gefahr laufen gesundheitliche Probleme zu bekommen. Genau so gibt es Zustände, in denen Leistungsfähigkeit über einen längere Zeitspanne aufrechterhalten werden kann.

Formen der Wachheit und die Leistungsfähigkeit von Menschen

Angespannte Wachheit

Dies ist ein Zustand, in dem Menschen kurzfristig sehr leistungsfähig sind. Man ist konzentriert bei der Arbeit und erledigt die gestellten Aufgaben. Diese Leistung wird jedoch mit sehr viel Mühe erbracht und führt relativ rasch zu Ermüdung und langfristig auch zu Erschöpfung.

Entspannte Wachheit

Entspannte Wachheit ist der Zustand, wo langfristig die beste Leistung erbracht werden kann, ohne in Erschöpfungszustände zu geraten. In der entspannen Wachheit steigt nicht nur unsere Leistungsfähigkeit, sondern auch unsere Kooperationsbereitschaft. In diesem Zustand sind wir also teamfähiger. Der Architekturpsychologe Peter Richter (2009) hat den Zustand der entspannten Wachheit als optimal für die Arbeitssituation beschrieben. Dieser Zustand könne durch Raumgestaltung, insbesondere Farb- und Lichtgestaltung, beeinflusst werden.
Die Unterscheidung in angespannte und entspannte Wachheit ist vergleichbar mit den Begriffen willkürliche und unwillkürliche Aufmerksamkeit, die von Kaplan & Kaplan (1989) geprägt wurden. Willkürliche Aufmerksamkeit erfordert Mühe und Anstrengung und führt zur Erschöpfung. Unwillkürliche Aufmerksamkeit ist mühelos und langfristig wesentlich effizienter. Kaplan & Kaplan haben nachgewiesen, dass Umgebungsmerkmale (vor allem Natur) diese unwillkürliche Aufmerksamkeit fördern. An Arbeitsplätzen ist es möglich, durch Gestaltungsmerkmale ähnliche Raumqualitäten zu schaffen und damit ein müheloseres Arbeiten zu ermöglichen.

Tiefe Entspannung

Wir Menschen brauchen Phasen der tiefen Entspannung. Schlafstörungen bringen fast immer psychische und physische Gesundheitsprobleme mit sich.
Räume, die eine tiefe Entspannung unterstützen, sind per se keine Arbeitsräume. Es gibt auch Versuche, wo die Büros im Stile von Wohnzimmern eingerichtet werden. Interessant ist, dass sich auch die Mitarbeiter schwer tun, solche Arbeitsräume anzunehmen. Dies zeigt deutlich, dass tiefe Entspannung nicht der Zustand ist, den Mitarbeiter/innen in der Arbeitssituation anstreben.
„Entspannte Wachheit“ und „Tiefe Entspannung“ sind zwei grundverschiedene Zustände, die im Arbeitskontext unterschieden werden sollten, um auch die Bedenken von Betrieben ernst zu nehmen, die argumentieren: „Unser Arbeitsplatz ist keine Wellnesseinrichtung.“ Entspannte Wachheit fördert die Arbeitsleistung und verhindert Erschöpfung, tiefe Entspannung fördert Erholung.

Ermüdung und Erschöpfung

Ermüdung und Erschöpfung sind Zustände, die nach längerer Belastung in der angespannten Wachheit eintreten. Indem am Arbeitsplatz die entspannte Wachheit gestärkt wird, kann dem entgegengewirkt werden. Raumgestaltung ist dafür ein angebrachtes und sehr effizientes Mittel.

Human Capital und Raumgestaltung

Die Gestaltung von Arbeitsräumen fördert oder hemmt die oben beschriebenen Bewusstseins-, oder Wachheitszustände. Damit können Betriebe ihr Human Capital optimieren, indem sie optimale Arbeitsräume zur Verfügung stellen. Dies wirkt sich nicht nur auf die Leistungsfähigkeit der Menschen aus, sondern auch in der Arbeitszufriedenheit und somit auch auf die Identifikation mit dem Betrieb.

Die Bedenken von Betrieben

Unternehmen sind per se gewinnorientiert. Aus dieser Gewinnorientierung speist sich auch eine gewisse Skepsis, wenn es darum geht, die Arbeitsräume an die Bedürfnisse der Mitarbeiter/innen anzupassen. Mit diesem Artikel möchte ich auf diese „berechtigte“ Skepsis eingehen. Optimale Arbeitsräume entstehen nicht, indem man Erholungsräume gestaltet. Trotzdem ist das Wohlbefinden ein entscheidender Faktor in der Möglichkeit, eine gute Arbeitsleistung zu erbringen. Indem wir, wie oben beschrieben, die Wachheitszustände unterscheiden, können wir auch einen Weg aus diesem Dilemma finden. Es geht nicht darum, am Arbeitsplatz die „tiefe Entspannung“ zu fördern, sondern den Zustand der „entspannten Wachheit“. Dieser Zustand ist im Sinne der Betriebe und im Sinne der Mitarbeiter/innen der optimale.

Was Betriebe vom Spitzensport lernen können

Im Spitzensport hat sich die Erkenntnis schon lange durchgesetzt, dass zu viel Anspannung die Leistungsfähigkeit hemmt. Die wirklichen Spitzenleistungen werden von Sportlern erbracht, die unter Druck „locker“ bleiben können. Auch hier finden wir den Gedanken der entspannten Wachheit wieder. Nicht eine verkrampfte Konzentration, sondern ein offener Fokus in entspannter Wachheit, bringt Spitzenleistungen hervor. Auch wenn am Arbeitsplatz nicht unbedingt Spitzenleistungen erforderlich sind, so geht es doch in beiden Bereichen um Leistungsfähigkeit.

Arbeitsräume sollen die entspannte Wachheit fördern

Leistungsfördernde Arbeitsplätze sollen „entspannte Wachheit“ fördern. Dieser Schluss wird durch zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse gestützt. Damit kann man auch die Leistungsorientierung mit dem Gedanken der Gesundheit und Burn Out Prävention optimal kombinieren. Wie Raumgestaltung diese entspannte Wachheit fördern kann, hängt sehr stark mit der ausgeführten Tätigkeit zusammen. Monotone Tätigkeiten verlangen mehr Abwechslung, kreative Tätigkeiten mehr Ruhe in der Gestaltung.

Pausenräume sollen kurze Phasen tiefer Entspannung ermöglichen

Wie bereits beschrieben, ist tiefe Entspannung nicht arbeitsgemäß. Sehr wohl könnten Betriebe, die ihr „Human Capital“ stärken wollen, jedoch in längeren Pausen (Mittagspause) die Möglichkeit zu einer kurzfristigen tiefen Entspannung bieten, indem sie nicht nur „Sozialräume“ als Pausenräume anbieten, sondern auch Rückzugsbereiche mit einer speziellen Gestaltung. Es gibt viele Menschen, die das sogenannte Power Napping praktizieren. Steht dafür jedoch nur der Arbeitsplatz zur Verfügung, wird dies wahrscheinlich nicht gelingen. Im Arbeitskontext ist es wichtig, dass Power Napping nur kurz (ca. 20min) praktiziert wird, um die optimale Wirkung zu erzielen.

Welche Gestaltungselemente haben einen Einfluss

Die oben beschriebenen Zusammenhänge sind Großteils sehr gut erforscht, so dass man auch weiß, welche Gestaltungselemente Einfluss auf die Formen von Wachheit haben. Grundsätzlich sind dies alle innenraumgestaltenden Aspekte wie Farben, Lichtstärke, Lichtfarbe, Oberflächen, Bilder usw. Dabei gibt es jedoch keine einfachen Rezepte, weil jede Raumgestaltung auf die jeweilige Tätigkeit abgestimmt werden soll. Nur so kann ein optimales, sprich leistungsförderndes, Ergebnis erzielt werden.

Resümee

Betriebe können die interne Effizienz stärken, indem sie Räume schaffen, die den Zustand der „entspannten Wachheit“ fördern. In diesem Zustand sind Menschen leistungsfähiger und weniger krankheitsanfällig als in einem Zustand der angespannten oder angestrengten Wachheit. Es gibt zahlreiche Gestaltungsmerkmale, die sich auf entspannte Wachheit auswirken. Diese sind jedoch abhängig von der ausgeführten Tätigkeit und vom Kontext der Arbeitssituation. Weitere Zusammenhänge von Arbeitsräumen und Arbeitsleistung sind im Artikel Effizienzsteigerung durch Arbeitsraumgestaltung nachzulesen.

Zitiert wurden

Kaplan, R. & Kaplan, S. (1989). The experience of nature. A psychological perspective. Cambridge: Cambridge University Press.
Richter, P.G. (2009). Entspannte Wachheit am Arbeitsplatz. Interview in „der Standard“